ALT WERDEN BEGINNT IM KOPF
Seit einiger Zeit beschäftige ich mich mit dem Thema “alt werden” – sicher meinem immer grauer werdenden Haar geschuldet, das sich heroisch allen „Re-Naturing“-Verlockungen der Werbung widersetzt.
Ich beschäftige mich mit diesem Thema aus unterschiedlichen Blickwinkeln – einem aber ganz besonders: Der Leistungsfähigkeit des Menschen im Alter und den Implikationen daraus auf den Arbeitsmarkt.
Zwar gibt es erste vorsichtige Anzeichen eines veränderten Denkens, dennoch herrscht aus meiner Sicht in deutschen Unternehmen die Überzeugung vor: Wer über fünfzig ist, bringt nichts mehr (außer in der Geschäftsführung, im Vorstand oder im Aufsichtsrat: seltsam, nicht wahr?).
Möglicherweise wird die demographische Entwicklung in Deutschland doch irgendwann zu einem Umdenken führen, jedoch ist man nach wie vor weithin der Meinung, dass heutzutage ein Mensch mit fünfzig nicht mehr ausreichend leistungsfähig ist.
Welch ein überragender Blödsinn! Welch ein kurzsichtiges Ausblenden massiver Veränderungen!
Wissenschaftler wie Professor Raffelhüschen vertreten die Auffassung, dass mit Beginn des vergangenen Jahrhunderts jede Generation durchschnittlich vier Jahre länger lebt als die Generation davor. Das erklärt die eine Hälfte unseres Rentenproblems. Die andere Hälfte die schwachen Geburtenraten.
Die anwachsende durchschnittliche Lebensdauer geht einher mit einer dramatisch verbesserten medizinischen Versorgung. Aus all dem wird abgeleitet, dass ein heute Fünfundfünfzigjähriger, ganz grob, mit einem Vierzigjährigen in den sechziger Jahren zu vergleichen ist – immerhin waren das die Wirtschaftswunderjahre. Ich schließe daraus: Die Vierzigjährigen waren damals alles Andere als Schlaffis.
Und was tun wir? Wir blocken solche Menschen weitgehend aus dem Arbeitsmarkt (natürlich nicht aus den Vorständen). Und wenn dann jemand auf die Idee kommt: „Hey Jungs, wenn Ihr so fit seid, dann könnt Ihr doch etwas länger arbeiten“, dann geht, von Sozialer-Kälte-Gewerkschafts-Sprüchen geschürt, ein heller Aufschrei durch unser gepeinigtes Land.
Ich würde mich gern einmal einer solchen Diskussion stellen und irgendwann, wenn wir das Thema soziale Kälte, Ausbeutung von „Tattergreisen“ und ähnlichen Schmarrn dann hinter uns hätten - dann würde ich gern die Frage stellen: „Nehmen wir mal an, alle hier in Deutschland erklärten sich bereit, bis zum Alter von 70 Jahren zu arbeiten: Wer würde die denn dann beschäftigen wollen?“
Hier wird deutlich, wo das Problem wirklich liegt: Es ist nicht die Anbieterseite (die Menschen). Es ist die Nachfragerseite (die Unternehmen). Ich behaupte, dass ein ganz entscheidendes Kriterium für das Verhalten der Unternehmen die Überzeugung ist, ältere Mitarbeiter seien zu „teuer“. Dies wiederum findet seinen Grund in der absurden Staffelung: Lange Betriebszugehörigkeit bedeutet mehr Geld. Aber wer sagt denn, dass das unbedingt so sein muss. Wer sagt denn, dass viele Mitarbeiter oberhalb von fünfzig nicht zu Verhandlungen bereit sind – wenn die Kinder aus dem Haus sind und die Hütte abbezahlt ist?
Für das jeweilige Neujahrskonzert wird der Dirigent von den Wiener Philharmonikern – immerhin einem der besten Symphonieorchester der Welt – eingeladen. Bewerben kann sich kein Dirigent für diese besondere Aufgabe und folglich gilt eine solche Einladung als hohe Ehre für den Dirigenten.
In diesem Jahr wurde das Neujahrskonzert von Georges Prętre dirigiert. Zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit. Georges Prętre ist 85 Jahre alt.
Selbstverständlich ist eine solche Höchstleistung nicht mit den Anforderungen in deutschen Unternehmen zu vergleichen.
Soeben las ich eine Anzeige: Alt werden beginnt im Kopf.