Friday, September 19, 2008

DER ANFANG VOM ENDE DER MODERNEN WELT?

Vor langen Jahren habe ich über 17 Jahre für Banken gearbeitet. Viele wissen das. So etwas prägt: Ich bin somit ein ehemaliger Banker „alter Schule“.

Die Banken, für die ich gearbeitet hatte, sind ausnahmslos nicht mehr eigenständig: Chase Manhattan fusionierte mit J.P. Morgan, National Westminster Bank wurde von der Royal Bank of Scotland übernommen – und die Dresdner Bank erst von der Allianz und nunmehr von der Commerzbank: Oder möglicherweise dann doch nicht.

Ich bin also einiges gewohnt und vieles kann ich akzeptieren.

Doch mit dem, was derzeit am Finanzmarkt abgeht, habe ich massive Schwierigkeiten. Ja, ich behaupte: Das kann man keinem „normal“ (was ist schon „normal“?) denkenden Menschen mehr begreiflich machen.

Die FAZ schrieb gestern Abend in ihrer Online-Ausgabe: „Die Finanzkrise erschüttert das Vertrauen in die Marktwirtschaft. Das Börsenbeben vernichtet von einem auf den anderen Tag Marktwerte in Milliardenhöhe. Es scheint, als könnte mit solchen Nachrichten der Anfang vom Untergang der modernen Welt beschrieben werden. Doch das wäre wahrlich übertrieben….“

Ich bin mir da nicht mehr so sicher. „Wahrlich“, liebe FAZ?

Die Welt hat viele krachende Krisen erlebt – und zugegebenermaßen auch überlebt: Von der großen Tulpenmanie im Holland des 17. Jahrhunderts, über den Börsencrash 1929 und das Platzen der Internet-Blase 2001bis zur aktuellen „Sub-prime“-Krise.

Erinnern wir uns: Auch das Platzen der Internet-Blase im Schulterschluss mit „innovativer Buchhaltung“ hat einige Flaggschiffe absaufen lassen. Denken wir nur an WorldCom oder Enron (letzteres mit 20.000 Menschen an Bord).

Aber eins ist doch ganz offensichtlich: Die Menschheit ist weitaus weniger lernfähig, als man gern glauben möchte. Es gibt ihn wohl doch: Walt Disneys „Zug der Lemminge“. Und keiner steht auf und sagt: „Hey, wait a minute!“

Das ist es, was mich zutiefst erschüttert.

Es mag die viel beschworenen „Selbstheilungskräfte des Marktes“ geben. Aber ist das dauerhaft wirklich der richtige Ansatz in einer Zeit, die in anderen Feldern die Vorteile der Prophylaxe und Prävention längst erkannt hat? Aber in der Wirtschaft waten wir unverdrossen im Blut – finden aber unseren Trost im gebetsmühlenartigen: „Das wird schon wieder!“

Wenn ich mir die Geschichte ansehe, dann denke ich zudem: Es gibt auch so etwas wie „Selbstheilungskräfte der Menschheit“. Irgendwann wird jemand aufstehen und er (oder durchaus auch sie) wird sagen: „So geht es nicht mehr!“

Und möglicherweise wird das dann doch der Untergang der modernen Welt – wohin auch immer das führen mag. Unserer Welt, die wir so selbstverständlich „modern“ nennen.

Mir fällt auf: Mal wieder ein Blogeintrag ohne Bezug zum Interim Management. Oder vielleicht doch?

Kommentare

1. Marina Holdermann schrieb...

Sehr geehrter Herr Becker,

ich lese Ihren abwechslungsreichen Blog schon seit längerem still mit. Mit Ihrem heutigen Kommentar haben Sie aber einen Nerv getroffen. Nein, ich kann Ihre Frage nach den Selbstheilungskräften auch nicht beantworten, sondern stelle sie mir selbst. Bei den Selbstheilungskräften der Menschheit bin ich skeptisch, bei denen der Menschen eher optimistisch. Viele einzelne Menschen beweisen das tagtäglich.

Genauso geht es mir bei den Selbstheilungskräften des Marktes. Als überzeugte soziale Marktwirtschaftlerin glaube ich durchaus auch da an Selbstheilungskräfte wie schon Adam Smith - ABER: wo funktioniert denn noch ein Markt? Solange Unternehmen überschaubare Einheiten mit überschaubaren Produkten und überschaubaren Märkten waren, hat das durchaus zumindest on the long run und makroökonomisch funktioniert.

Nur: dieses Modell stimmt ja immer weniger. Globalisierung, multinationale tätige, zentral gesteuerte Konzerne überfordern m. E. die Fähigkeit des Einzelnen sich in ihnen zurecht zu finden oder sich mit ihnen zu identifizieren. Der Kontakt zu Mitarbeitern, Produkten, Kunden wird immer indirekter und die Bodenhaftung geht völlig verloren. Theoretische Konstrukte, die diese Bindungen nachempfinden oder nachahmen sollen, bleiben eben theoretisch oder wirken aufgesetzt. Wie ist es sonst zu erklären, dass 500 Mio. € mal schnell an eine Pleitebank überwiesen werden? Da ist nicht ein mal mehr ein Bezug zur Dimension "Geld" erkennbar, von Kontrollmechanismen ganz zu schweigen.

Lange Rede auf den Punkt gebracht: solange Einheiten für den Menschen begreifbar groß, also eher mittelständisch strukturiert sind, gibt es natürlich auch Fehlentscheidungen und fehlerhafte Handlungen Einzelner, aber sie haben nicht diese weltumspannenden Auswirkungen, die keiner mehr wirklich versteht. Unternehmer müssen für ihre Handlungen Verantwortung übernehmen, gehen bewusst Risiken ein oder lassen es. Gewinnen mal und verlieren auch mal, vielleicht sogar öfter. Ziehen Konsequenzen daraus, machen Erfahrungen, versuchen es neu oder geben auf. Da wir diesen Idealtypus Mittelstand aber immer weniger haben, sollten wir uns überlegen, wie wir deren Stärken und die menschliche Begrenztheit zusammen bringen, damit jeder einzelne, ob Kunde, Mitarbeiter oder auch Dienstleister wieder weiß, warum er was wann tut. Auf "die Menschheit" will ich da nicht warten und auf "den" Heilsbringer oder "den" neuen Wirtschaftsguru auch nicht.

Sollten Ihnen meine Ausführungen zu lang erscheinen, behandeln Sie sie einfach als private Anmerkungen.

Mit besten Grüßen

Marina Holdermann
Mittelständlerin und Interimmanagerin aus Überzeugung

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