Friday, June 13, 2008

WAS ZEIGT UNS DER GESTRIGE GROTTENKICK?

Oft werde ich gescholten. Ich finde das nicht erstrebenswert, aber ich muss damit leben. Vor allem werde ich gescholten unter der Überschrift „Sei nicht so negativ!“.

Tatsächlich bin ich nicht negativ, ganz im Gegenteil: Ich bin ein überaus positiver Mensch. Allerdings habe ich auch keine rosarote Brille auf. Und ich wage es, meine Meinung zu sagen – und zwar ungeschminkt. „Das kann man doch auch diplomatischer sagen“, höre ich dann oft. Ja klar, aber ich will das gar nicht!

Denn in unserer weichgespülten Konsens-Kommunikation, in der es niemand mit dem anderen „verderben“ möchte, sind die tatsächlichen Botschaften oftmals derartig verbuddelt oder aber so gut „zwischen den Zeilen“ positioniert, dass die kein Mensch mehr finden kann. Lasst uns doch wieder die Zeilen selbst für unsere Botschaften nutzen! Und auch mal Klartext reden …

Unter dieser Überschrift konstatiere ich: Das unsägliche Fußballspiel gestern Abend (für die Annalen: Kroatien – Deutschland; 2:1) halte ich für symptomatisch für das, was sich in unserem Land über die letzten Jahre herausgebildet hat:

Enorme Selbstgefälligkeit: Man hatte sich bereits schwer auf die strategische Planung der kommenden beiden Siege konzentriert – denn natürlich würde man gegen die kroatischen No-Names gewinnen. Also, eine Strategie zur Optimierung der Prozesse musste her: Auf dass man möglichst nicht auf die Portugiesen im Viertelfinale träfe. Einsam stand Günter Netzer vor den Kameras mit dem trockenen Hinweis, man möge doch erst einmal die nächsten Spiele überhaupt gewinnen.

Mangelndes Engagement: Ganz offensichtlich war die Millionärsclique auf dem Platz der Meinung, mit ein wenig Spazierengehen auf grünen Prater-Auen würde man als Made in Germany den No-Names aus dem Osten schon zeigen, wo´s lang ginge.

Mangelnde Schnelligkeit: Während das Made in Germany sich noch in seinem Licht als vermeintlicher EM-Favorit sonnte - da sind doch die No-Names einfach schneller gelaufen – und haben dann obendrein auch noch Erfolg damit gehabt und Tore geschossen. Fehlten nur noch Meetings in Schwarz-Rot-Gold!

Mangelnde Kreativität: Da stand das Beste aus Made in Germany auf dem Platz. Aber nicht ein einziges Mal ging ein Raunen durch das Stadion – ich meine ein bewunderndes Raunen.

Verrohen der Sitten: Gegen Ende stieß Herr Schweinsteiger seinen Gegner um, erhielt dafür den Regeln entsprechend eine Rote Karte – und zeigte dem Schiedsrichter ob dessen eklatanter Verletzung der vermeintlichen individuellen Schweini-Sonder-Regularien – als Quittung einen Vogel. Im 46-Zoll Breitwandformat!

Schönreden: Der Kapitän, der Trainer und der überoptimistische Moderator sowie seine beiden Ko-Kommentatoren konnten zwar die schlechte Leistung nicht völlig übergehen, aber ganz offensichtlich war es ihr Auftrag, die Stimmung im Land nicht noch weiter absacken zu lassen. Sie blickten daher zuversichtlich nach vorn: Noch sei nichts verloren.

Zurückschrauben der Maßstäbe: Am Abend dann spielten die beiden Gruppengegner Polen und Österreich 1:1 unentschieden. Und schon frohlockte der Moderator, nun reiche ein Unentschieden gegen Österreich für´s Weiterkommen. Sechs Stunden früher zählten wir uns zu den EM-Favoriten.

Niemand hatte den Mut auszusprechen, was zu sagen war: Diese Leistung in einer Europameisterschaft abzuliefern ist schlichtweg eine Unverschämtheit!

Ich denke an Grönemeyer: Zeit, dass sich ´was dreht….!


PS: In meinem Eintrag kommen nicht einmal die Wörter Interim Management oder Interim Manager vor. Das Geschehen gestern muss mich nachhaltig beeindruckt haben.

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