Abgesehen von den wenigen seltenen und daher fast schon exotisch anmutenden Ausnahmen ist die Kommunikationsfähigkeit der heutigen Jugend bipolar ausgeprägt (zumindest bei der Jugend, die ich kenne)!
Schillernde Brillanz und verblüffende Multithraeding-Kompetenz in der digitalen Kommunikation: E-Mail, SMS und Chat – alles gleichzeitig! Untermalt durch die monoton wummernde Hintergrundmusik der „Motherfucker“-Fraktion werden zur Abrundung im Parallelverfahren neue Level von Computerspielen erobert.
Immer wieder bin ich sprachlos!
Anders sieht es aus in der analogen Kommunikation – dieses antike Interagieren von menschlichem Ohr, Hirn und Mund. Hier staunen wir über einen geringen Wortschatz verquickt zu kurzen Informationsschnipseln, die sich der geneigte Empfänger zusammenreimen muss, um darin möglicherweise tiefe und weiterreichende Botschaften zu entschlüsseln. Ich kenne Jugendliche, die sitzen gelübdegleich schweigend beim Abendessen. Ich kenne sogar Jugendliche, die beherrschen die bis dahin mir unbekannte Fähigkeit, auf offene Fragen geschlossen zu antworten.
Manchmal glaube ich, die den Jugendlichen so vertraute „Short Message“ (SMS) wird in die Welt der analogen Kommunikation portiert - völlig gleichgültig, ob der Empfänger sich selbst im SMS-Modus befindet oder nicht.
Nun trifft mein älter werdendes Hirn, ohnehin kurz vor dem „Information-Overload“, auf dieses jugendlich fröhlich, unbeschwerte Kommunikationsverhalten.
Und bricht auf breiter Front ein.
Während eines Abendessens verkündete mein Sohn den Termin für seine Abiturfeier: 26. Juni. „Kommt Ihr?“ „Aber klar!“ Ende. Themawechsel.
Meinen typischen Reflex, sofort zum Rechner zu rennen und den Termin Outlook anzuvertrauen, rang ich heroenhaft nieder: Meine Frau Sabine hätte mich mit Blicken gekreuzigt.
Und damit rutschte mir der Termin durch.
Und damit war der Termin nicht mehr auf meinem Radarschirm.
Und damit war mein Hirn nicht mehr in der Lage zu melden: „Achtung Terminkonflikt! An diesem Tag steht seit Monaten das Lokale Interim Manager-Treffen in Stuttgart an. Und nebenbei, Du Depp, der letzte Freitag im Monat ist immer für Lokale Interim Manager-Treffen vorgesehen!“
ICH HATTE DAS HALT NICHT MEHR AUF DEM RADARSCHIRM!
Die hohe Schule: Ich mache vor ein paar Tagen mein Follow-up: Auf dass auch ja jeder Bescheid wüsste und sich anmelde. Und wie immer: Pack Dir den Tag vor Ort möglichst voll mit Kundenterminen. Es gelang vollkommen.
Am Dienstag beim Essen. Mein Sohn schnorrt Geld für die Abiturfeier. Für den 26. Juni.
Ich kenne diese Situationen – und ich fürchte sie. Großhirn an restlichen Körper: „Irgendetwas stimmt hier ganz und gar nicht! Prüfroutine starten – Korrekturmaßnahmen einleiten!“
Alle Interim Manager, die für das lokale Treffen in Stuttgart zugesagt hatten, habe ich offen gefragt, ob sie mir gestatten, unter diesen Umständen das Treffen abzusagen. Alle anderen waren sehr nachsichtig mit mir. Ich danke ihnen aufrichtig!
Einer schrieb: „Guten Morgen Herr Becker,
ich habe großes Verständnis für das Problem. Aber gestatten Sie mir, dass ich schmunzle. Bei meinen 2 Töchtern war es ähnlich.
Alles wiederholt sich irgendwann und irgendwo.“