Friday, June 26, 2009

YABI DABBI DOO '09

Es gibt Tage, da verblassen alle anderen Themen für uns alle: Hierzu gehört der 11. September 2001.

Es gibt Tage, da verblassen alle anderen Themen für die meisten von uns: Hierzu gehört der 13. März 2009 (Elf Wochen nach Heiligabend).

Und es gibt Tage, da verblassen alle anderen Themen für ganz wenige von uns – und dennoch haben sie im individuellen familiären Mikrokosmos eine gleich hohe Bedeutung: Heute ist solch ein Tag!

Mein Sohn hat sein Abitur bestanden und erhält heute sein Zeugnis der Reife!

Der befangene Vater stellt verblüfft fest, dass ihm der Blogeintrag für diesen Freitag schwerer fällt als sonst. Auch das ein klares Zeichen dafür, dass hier eine außergewöhnliche Situation vorliegt.

Verworfen hat er Poesie, Lyrik, Oden oder Epen: Das sind wir beide nicht – Phillip nicht und ich auch nicht.

„Hey, Phil, gut gemacht! Herzlichen Glückwunsch und alles Gute für Deinen weiteren Weg. Ich bin stolz auf Dich.“

Das bin ich.

Im Hintergrund läuft „Rammstein – mixed by Phil“.

Das ist Phillip.

YABI DABBI DOO!

Friday, June 19, 2009

NICHT DAS EINZIG HOHLE

Mein Freund kommt vorbei auf einen schnellen Kaffee. Er arbeitet als etablierter Bauunternehmer im Straßenbau mit einer eigenen Firma – ein Vertreter des Deutschen Rückgrats, des Deutschen Mittelstands.

Er berichtet von seinem Auftraggeber, der Deutschen Bahn, den er gefragt hatte, wo denn die vielen Aufträge aus dem großen Infrastruktur-Konjunkturprogramm der Bundesregierung blieben.

„Fünf von sieben Aufträgen wurden inzwischen storniert. An zwei Aufträgen arbeiten wir noch“.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich ihn richtig verstanden habe:

„Du sagst: Von sieben Aufträgen der Bundesregierung sind fünf zurückgezogen worden?“

„So ist es.“

„Das bedeutet für mich: Das Konjunkturprogramm ist eine Luftblase.“

„So ist es.“

Ich sehe vor mir eine Luftblase: Derzeit in unserem Land leider nicht das einzig Hohle!

Friday, June 12, 2009

ALLES WIEDERHOLT SICH IRGENDWANN UND IRGENDWO

Copyright by Gaetano Gross - Caravaggio meets Pop-ArtAbgesehen von den wenigen seltenen und daher fast schon exotisch anmutenden Ausnahmen ist die Kommunikationsfähigkeit der heutigen Jugend bipolar ausgeprägt (zumindest bei der Jugend, die ich kenne)!

Schillernde Brillanz und verblüffende Multithraeding-Kompetenz in der digitalen Kommunikation: E-Mail, SMS und Chat – alles gleichzeitig! Untermalt durch die monoton wummernde Hintergrundmusik der „Motherfucker“-Fraktion werden zur Abrundung im Parallelverfahren neue Level von Computerspielen erobert.

Immer wieder bin ich sprachlos!

Anders sieht es aus in der analogen Kommunikation – dieses antike Interagieren von menschlichem Ohr, Hirn und Mund. Hier staunen wir über einen geringen Wortschatz verquickt zu kurzen Informationsschnipseln, die sich der geneigte Empfänger zusammenreimen muss, um darin möglicherweise tiefe und weiterreichende Botschaften zu entschlüsseln. Ich kenne Jugendliche, die sitzen gelübdegleich schweigend beim Abendessen. Ich kenne sogar Jugendliche, die beherrschen die bis dahin mir unbekannte Fähigkeit, auf offene Fragen geschlossen zu antworten.

Manchmal glaube ich, die den Jugendlichen so vertraute „Short Message“ (SMS) wird in die Welt der analogen Kommunikation portiert - völlig gleichgültig, ob der Empfänger sich selbst im SMS-Modus befindet oder nicht.

Nun trifft mein älter werdendes Hirn, ohnehin kurz vor dem „Information-Overload“, auf dieses jugendlich fröhlich, unbeschwerte Kommunikationsverhalten.

Und bricht auf breiter Front ein.

Während eines Abendessens verkündete mein Sohn den Termin für seine Abiturfeier: 26. Juni. „Kommt Ihr?“ „Aber klar!“ Ende. Themawechsel.

Meinen typischen Reflex, sofort zum Rechner zu rennen und den Termin Outlook anzuvertrauen, rang ich heroenhaft nieder: Meine Frau Sabine hätte mich mit Blicken gekreuzigt.

Und damit rutschte mir der Termin durch.

Und damit war der Termin nicht mehr auf meinem Radarschirm.

Und damit war mein Hirn nicht mehr in der Lage zu melden: „Achtung Terminkonflikt! An diesem Tag steht seit Monaten das Lokale Interim Manager-Treffen in Stuttgart an. Und nebenbei, Du Depp, der letzte Freitag im Monat ist immer für Lokale Interim Manager-Treffen vorgesehen!“

ICH HATTE DAS HALT NICHT MEHR AUF DEM RADARSCHIRM!

Die hohe Schule: Ich mache vor ein paar Tagen mein Follow-up: Auf dass auch ja jeder Bescheid wüsste und sich anmelde. Und wie immer: Pack Dir den Tag vor Ort möglichst voll mit Kundenterminen. Es gelang vollkommen.

Am Dienstag beim Essen. Mein Sohn schnorrt Geld für die Abiturfeier. Für den 26. Juni.

Ich kenne diese Situationen – und ich fürchte sie. Großhirn an restlichen Körper: „Irgendetwas stimmt hier ganz und gar nicht! Prüfroutine starten – Korrekturmaßnahmen einleiten!“

Alle Interim Manager, die für das lokale Treffen in Stuttgart zugesagt hatten, habe ich offen gefragt, ob sie mir gestatten, unter diesen Umständen das Treffen abzusagen. Alle anderen waren sehr nachsichtig mit mir. Ich danke ihnen aufrichtig!

Einer schrieb: „Guten Morgen Herr Becker,
ich habe großes Verständnis für das Problem. Aber gestatten Sie mir, dass ich schmunzle. Bei meinen 2 Töchtern war es ähnlich.

Alles wiederholt sich irgendwann und irgendwo.“

Friday, June 05, 2009

ERST DAS VERGNUEGEN - DANN DIE ARBEIT

Es gibt keine Alternative: Ich muss mein Leben überdenken. Und mich den Verhaltensmustern der ach so innovativen Gesellschaft anpassen – auch wenn ich mich lange dagegen gesträubt habe.

Meine Konditionierung seit nackten Kindesbeinen (ich bin ein Archetyp der Silver-Generation) lautet: Erst die Arbeit - dann das Vergnügen.

Ich musste sämtliche Hausaufgaben erledigen – und durfte danach erst nach draußen. Wenn es danach regnete: Schade aber auch.

Ich musste Vokabeln lernen – und durfte dann erst Fußball spielen: Wenn die anderen dann nicht mehr spielten: Schade aber auch.

Und der Gipfel: Vor alledem musste ich abtrocknen!

Zwar habe ich keine bleibenden Schäden davongetragen (Eigenbild!), jedoch behaupte ich nicht, dass ich damals dafür ein überragendes Verständnis aufgebracht hätte.

Aber ganz eindeutig: Diese meine Konditionierung hat dazu geführt, dass ich Privates oder gar Freizeit der Arbeit und den Kunden ausnahmslos unterordne. Meine AIMP-Kollegen necken mich daher gern mit dem Attribut: „Kassenknecht mit ausgeprägt calvinistischer Prägung“.

Hört Ihr Leut: Diese Prägung wankt seit heut!

Am Ende der um das Pfingstfest arrangierten deutschlandweiten Ruhepause ändere ich meine Prioritäten für heute. Es ist eh niemand da, der meine Arbeit bewundern könnte!

Heute antworte ich nur auf Dinge, die hier aufschlagen. Es schlägt eh kaum etwas auf – von wem auch?

Heute gehe ich Einkaufen.

Heute koche ich.

Heute lade ich ein paar Freunde ein zu Spaghetti mit Zitronenmelissepesto und Chili-Garnelen.

Heute ändere ich mein Leben – zumindest mal für einen Tag: Erst das Vergnügen – dann die Arbeit.