Friday, September 26, 2008

NIEDER MIT DER SCHATTENWELT!

Ich lese viel: Über Politik und Wirtschaft, Finanzen und Kundenunternehmen, über Philosophie und Internet. Trockenes Zeug vorwiegend - und obendrein quäle ich mich grad durch Joachim Fests massige Hitler-Biographie.

Obendrein muss ich mich auf meine Reden vorbereiten: Auch hierzu gehört für mich das vorbereitende Lesen – wieder meist trockenes Zeug, keine allzu gute Basis für eine Rede, soll sie doch den Zuhören ein wenig Vergnügen machen.

Am 16. Oktober ist es wieder so weit: Das 3. Hamburger Forum Interim Management des AIMP findet unter dem Motto „Projektmanagement im Interim Management: Trends im Markt und Anforderungen an die Interim Manager“ statt und ich darf einen kleinen Beitrag leisten.

Ich freue mich darauf: Nach Hamburg zu unseren Freunden von den Management Angels komme ich wirklich nur selten.

Projektmanagement, also.

Ich bin vertraut mit dem Projektmanagement aus meiner Zeit bei debis und Accenture: Was habe ich für eine Prügel bezogen! „Ear-Bashing“ genannt von einem mitfühlenden englischen Kollegen. Und im Kopf habe ich heute noch die Zahlen der Analysten – ich glaube es war Gartner oder Forrester im Jahr 1998: Drei von vier IT-Projekten erreichen nicht das vorgesehene Ziel!

Anfangs dachte ich: Kann doch nicht sein. Später lernte ich: Doch!

Nun kann man sich wissenschaftlich mit den Gründen für dieses Scheitern im Projektmanagement beschäftigen oder aber – wie erfrischend! – satirisch.

Und eine solche Satire ist mir in die Finger gekommen – rechtzeitig, obwohl (und das mir!) ich weit über eine Stunde zu spät zum Termin erschien: Welche Fügung!

Wer auch nur den Schimmer einer Erfahrung im Projektmanagement hat, für den ist das Büchlein „Anleitung für Projektvernichter“ von Dr. Kötting ein Juwel.

Das Besondere an diesem Büchlein ist, dass es aus der Perspektive einer dunklen Macht, der so genannten Schattenseite, geschrieben ist. Die Schattenseite denkt und handelt in der populären unternehmerischen Wertorientierung – nur wird halt der Wertbeitrag der Schattenwelt im Umkehrschluss zur Wertvernichtung in der echten Welt.

Daraus ergeben sich köstliche Logiken und ein ungeheuerer Sprachwitz – wenn man sich darauf einlässt. Die Wörter und Worte reichen von „Wertvernichtungspotenzialen“ über „Fantastische Profite für uns“ bis zu „unserer Unterabteilung für strategische Planung zur Bestimmung von nützlichen Schuldträgern“ und als Kulmination: „Diese Art von Projekten sind uns die liebsten, da sich deren Hinführung zu einem katastrophalen Ende fast von selbst ergibt“.

Ich bekenne offen: Bei einem schönen Glas Wein hatte ich viel Freude beim Lesen – und mehr als einmal schoss mir durch den Kopf: „Klar, genau so ist es! Ganz sicher.“

Es war nicht genug Wein, um die Frage zu unterdrücken: „Wenn es denn klar so ist, warum ändert man das Vorgehen dann nicht einfach?“

Nieder mit der Schattenwelt: Ich freue mich auf Hamburg.

Friday, September 19, 2008

DER ANFANG VOM ENDE DER MODERNEN WELT?

Vor langen Jahren habe ich über 17 Jahre für Banken gearbeitet. Viele wissen das. So etwas prägt: Ich bin somit ein ehemaliger Banker „alter Schule“.

Die Banken, für die ich gearbeitet hatte, sind ausnahmslos nicht mehr eigenständig: Chase Manhattan fusionierte mit J.P. Morgan, National Westminster Bank wurde von der Royal Bank of Scotland übernommen – und die Dresdner Bank erst von der Allianz und nunmehr von der Commerzbank: Oder möglicherweise dann doch nicht.

Ich bin also einiges gewohnt und vieles kann ich akzeptieren.

Doch mit dem, was derzeit am Finanzmarkt abgeht, habe ich massive Schwierigkeiten. Ja, ich behaupte: Das kann man keinem „normal“ (was ist schon „normal“?) denkenden Menschen mehr begreiflich machen.

Die FAZ schrieb gestern Abend in ihrer Online-Ausgabe: „Die Finanzkrise erschüttert das Vertrauen in die Marktwirtschaft. Das Börsenbeben vernichtet von einem auf den anderen Tag Marktwerte in Milliardenhöhe. Es scheint, als könnte mit solchen Nachrichten der Anfang vom Untergang der modernen Welt beschrieben werden. Doch das wäre wahrlich übertrieben….“

Ich bin mir da nicht mehr so sicher. „Wahrlich“, liebe FAZ?

Die Welt hat viele krachende Krisen erlebt – und zugegebenermaßen auch überlebt: Von der großen Tulpenmanie im Holland des 17. Jahrhunderts, über den Börsencrash 1929 und das Platzen der Internet-Blase 2001bis zur aktuellen „Sub-prime“-Krise.

Erinnern wir uns: Auch das Platzen der Internet-Blase im Schulterschluss mit „innovativer Buchhaltung“ hat einige Flaggschiffe absaufen lassen. Denken wir nur an WorldCom oder Enron (letzteres mit 20.000 Menschen an Bord).

Aber eins ist doch ganz offensichtlich: Die Menschheit ist weitaus weniger lernfähig, als man gern glauben möchte. Es gibt ihn wohl doch: Walt Disneys „Zug der Lemminge“. Und keiner steht auf und sagt: „Hey, wait a minute!“

Das ist es, was mich zutiefst erschüttert.

Es mag die viel beschworenen „Selbstheilungskräfte des Marktes“ geben. Aber ist das dauerhaft wirklich der richtige Ansatz in einer Zeit, die in anderen Feldern die Vorteile der Prophylaxe und Prävention längst erkannt hat? Aber in der Wirtschaft waten wir unverdrossen im Blut – finden aber unseren Trost im gebetsmühlenartigen: „Das wird schon wieder!“

Wenn ich mir die Geschichte ansehe, dann denke ich zudem: Es gibt auch so etwas wie „Selbstheilungskräfte der Menschheit“. Irgendwann wird jemand aufstehen und er (oder durchaus auch sie) wird sagen: „So geht es nicht mehr!“

Und möglicherweise wird das dann doch der Untergang der modernen Welt – wohin auch immer das führen mag. Unserer Welt, die wir so selbstverständlich „modern“ nennen.

Mir fällt auf: Mal wieder ein Blogeintrag ohne Bezug zum Interim Management. Oder vielleicht doch?

Friday, September 12, 2008

DREI VON VIER TOT: UNSER TAEGLICH BROT

Am vergangenen Freitag klagte ich – Trost heischend – einer lieben Kollegin eines befreundeten Interim-Providers mein Leid: Rechtzeitig zum Wochenende hatte mir ein Unternehmen mitgeteilt, dass der Lenkungsausschuss am Vortag entschieden hätte, nun doch keinen Interim Manager einzusetzen.

Fast vier Wochen nachdem wir die Anfrage nach einem Interim Manager erhalten, die Anforderungen im Dialog mit den infrage kommenden Interim Managern abgeglichen, die erforderlichen Spezialqualifizie- rungen hatten bestätigen und schließlich vier Interim Manager präsentiert hatten. Und nachdem vom Unternehmen das Feedback gekommen war: Zwei Interim Manager entsprächen ganz genau den Anforderungen.

Statt des Trostes erhielt ich von der Kollegin als Antwort: „Das ist doch unser täglich Brot, oder? Ich habe allein in dieser Woche 20 neue Anfragen bearbeitet (weil ich ja Urlaubsvertretung mache) wovon 15 bereits heute wieder tot sind. Ich kenn das nicht anders....“

Daraufhin änderte sich meine Erwartungshaltung drastisch: No more comfort desired!

Die Ergänzung meiner Kollegin, „Ich kenn das nicht anders“, schwingt bis heute nach: Zeigt sie doch (die Ergänzung), dass wir Interim Provider es inzwischen schon als normal ansehen, dass der weitaus größte Teil der Anfragen nach Interim Managern nach kurzer Zeit wieder gestoppt wird.

Aber mal ehrlich: So kann´s doch auch nicht sein.

Bei aller Kundenorientierung und bei allem Respekt, liebe Kunden: Es kann doch nicht sein, dass wir es auf Dauer zulassen, dass Sie derart hemmungslos unsere Zeit verbrennen – und das obendrein unentgeltlich!

Und deshalb bin ich sicher: So wird es nicht weitergehen können – und so wird es deshalb auch nicht weitergehen.

Möglicherweise nicht mehr in diesem Jahr, aber auf absehbare Zeit werden wir Interim-Provider darauf reagieren.

Wir werden es müssen: Denn eine Ausschussquote von 75 Prozent wird in keiner Industrie toleriert – auch nicht im Interim-Providing!

Friday, September 05, 2008

MAN KANN SICH IM ALTER WENIGER MERKEN - ABER MAN MERKT MEHR

Dieses Interim Management-Geschäft hat schon zahlreiche attraktive Facetten. Eine Facette, die mir besonders zusagt: Es gibt ein Vielfaches mehr an kritischen Äußerungen von Interim Managern, als ich das von festangestellten Managern über viele, viele Jahre kennen gelernt habe.

Und so ist das Erstellen unseres monatlichen Newsletters für die Interim Manager (FAKTEN ZU MANATNET) zwar ein aufwendiges (ich hasse das „ä“ in der neuen Rechtschreibung!) Unterfangen, jedoch fiebere ich regelmäßig dem Feedback der Interim Manager entgegen.

Das Feedback kritisiert entweder oder stimmt zu: So soll es sein. Mitunter setzt das Feedback aber noch einen drauf auf meine ganz persönliche Sichtweise. Und dafür werden dann auch stets Beispiele geliefert – statt einfach nur zu behaupten.

Ich liebe so etwas!

Ein Auszug aus einem solchen Feedback eines hoch geschätzten Interim Managers auf unseren Newsletter vom 1. September:

„Zum Thema August: Das sind nicht nur die Aktivitäten, die da darben! Viel schlimmer ist die Qualität der Aktivitäten! ….

Wenn das nur ein einzelner Fall wäre, wäre das vielleicht sogar lustig! So ist es aber wohl mehr ein Verdacht auf Psychiater-Bedarf. Das scheint mir typisch zu sein für heute! Verängstigt, Egomanie, introvertiert bis autistisch: Man verwaltet und beschäftigt sich nur noch intern, die Mitarbeiter werden nur noch unter Druck gesetzt, die Kunden stören und sollen die Aufträge abliefern und die Klappe halten - und man schließt die Augen.“

Zur Untermauerung enthielt dieses Feedback zudem den Link auf einen Beitrag von Bayern2 aus dem Programm Eins zu Eins – Der Talk. Interviewt wurde Manfred Max-Neef, 75, Wirtschaftsingenieur und Träger des Alternativen Nobelpreises und Begründer der „Barfußökonomie“.

Mein lieber Mann: was für ein Geist! Was für Ansichten und Einschätzungen – häufig kritisch, manchmal verstörend, aber immer irgendwie überzeugend.

Mich haben die 39 Minuten sehr beeindruckt.

Die 39 Minuten hallen noch immer nach.

Artikuliert hat das ein Fünfundsiebzigjähriger. Und das Feedback kommt von einem Vierundsiebzigjährigen!

Möglicherweise müssen wir noch viel stärker umdenken, als wir das bisher angenommen haben.