NIEDER MIT DER SCHATTENWELT!
Ich lese viel: Über Politik und Wirtschaft, Finanzen und Kundenunternehmen, über Philosophie und Internet. Trockenes Zeug vorwiegend - und obendrein quäle ich mich grad durch Joachim Fests massige Hitler-Biographie.
Obendrein muss ich mich auf meine Reden vorbereiten: Auch hierzu gehört für mich das vorbereitende Lesen – wieder meist trockenes Zeug, keine allzu gute Basis für eine Rede, soll sie doch den Zuhören ein wenig Vergnügen machen.
Am 16. Oktober ist es wieder so weit: Das 3. Hamburger Forum Interim Management des AIMP findet unter dem Motto „Projektmanagement im Interim Management: Trends im Markt und Anforderungen an die Interim Manager“ statt und ich darf einen kleinen Beitrag leisten.
Ich freue mich darauf: Nach Hamburg zu unseren Freunden von den Management Angels komme ich wirklich nur selten.
Projektmanagement, also.
Ich bin vertraut mit dem Projektmanagement aus meiner Zeit bei debis und Accenture: Was habe ich für eine Prügel bezogen! „Ear-Bashing“ genannt von einem mitfühlenden englischen Kollegen. Und im Kopf habe ich heute noch die Zahlen der Analysten – ich glaube es war Gartner oder Forrester im Jahr 1998: Drei von vier IT-Projekten erreichen nicht das vorgesehene Ziel!
Anfangs dachte ich: Kann doch nicht sein. Später lernte ich: Doch!
Nun kann man sich wissenschaftlich mit den Gründen für dieses Scheitern im Projektmanagement beschäftigen oder aber – wie erfrischend! – satirisch.
Und eine solche Satire ist mir in die Finger gekommen – rechtzeitig, obwohl (und das mir!) ich weit über eine Stunde zu spät zum Termin erschien: Welche Fügung!
Wer auch nur den Schimmer einer Erfahrung im Projektmanagement hat, für den ist das Büchlein „Anleitung für Projektvernichter“ von Dr. Kötting ein Juwel.
Das Besondere an diesem Büchlein ist, dass es aus der Perspektive einer dunklen Macht, der so genannten Schattenseite, geschrieben ist. Die Schattenseite denkt und handelt in der populären unternehmerischen Wertorientierung – nur wird halt der Wertbeitrag der Schattenwelt im Umkehrschluss zur Wertvernichtung in der echten Welt.
Daraus ergeben sich köstliche Logiken und ein ungeheuerer Sprachwitz – wenn man sich darauf einlässt. Die Wörter und Worte reichen von „Wertvernichtungspotenzialen“ über „Fantastische Profite für uns“ bis zu „unserer Unterabteilung für strategische Planung zur Bestimmung von nützlichen Schuldträgern“ und als Kulmination: „Diese Art von Projekten sind uns die liebsten, da sich deren Hinführung zu einem katastrophalen Ende fast von selbst ergibt“.
Ich bekenne offen: Bei einem schönen Glas Wein hatte ich viel Freude beim Lesen – und mehr als einmal schoss mir durch den Kopf: „Klar, genau so ist es! Ganz sicher.“
Es war nicht genug Wein, um die Frage zu unterdrücken: „Wenn es denn klar so ist, warum ändert man das Vorgehen dann nicht einfach?“
Nieder mit der Schattenwelt: Ich freue mich auf Hamburg.
Vor langen Jahren habe ich über 17 Jahre für Banken gearbeitet. Viele wissen das. So etwas prägt: Ich bin somit ein ehemaliger Banker „alter Schule“.
Am vergangenen Freitag klagte ich – Trost heischend – einer lieben Kollegin eines befreundeten Interim-Providers mein Leid: Rechtzeitig zum Wochenende hatte mir ein Unternehmen mitgeteilt, dass der Lenkungsausschuss am Vortag entschieden hätte, nun doch keinen Interim Manager einzusetzen.
Dieses Interim Management-Geschäft hat schon zahlreiche attraktive Facetten. Eine Facette, die mir besonders zusagt: Es gibt ein Vielfaches mehr an kritischen Äußerungen von Interim Managern, als ich das von festangestellten Managern über viele, viele Jahre kennen gelernt habe.