Friday, November 28, 2008

UND SIE BEWEGT SICH NOCH!

Selten lagen die Einschätzungen für das Interim Management-Geschäft weiter auseinander: Die einen erwarten den Weltuntergang und als Ergebnis der Wirtschaftkrise auch eine Krise im Interim Management. Die anderen erwarten enorme Chancen für das Interim Management aufgrund der Krise und obendrein eine Revitalisierung der Königsdisziplinen des Interim Managements - Restrukturierung und Sanierung.

 Weltuntergangs-Szenarien stehe ich persönlich stets skeptisch gegenüber – frei nach Galilei: Und sie bewegt sich noch!

Aber ich kann auch dieses Gefasel von „Wir haben keine Probleme: Wir haben Herausforderungen!“ kaum noch ertragen. Oder die Variante unserer global angehauchten Selbstdarsteller: „We don’t face problems: We just face challenges!“

Sehr modisch, augenscheinlich sehr smart und noch obendrein so launig positiv. Und sehr leer!

Ich warte dann immer auf den folgenden Satz, der beginnen könnte mit „Und deshalb machen wir…“ Aber es folgt keiner.

Mit oder ohne Finanzmarktkrise. Seien wir ehrlich untereinander: Die Unternehmen haben schon länger echte Probleme. Jeder weiß das, der ein offenes Verhältnis zu seinen Unternehmenskunden pflegt. Aber die Schockwellen der Finanzmarktkrise führen jetzt ganz offensichtlich dazu, dass die Unternehmen aufgeschreckt glauben, nun aber wirklich handeln zu müssen und nicht mehr länger auf die Selbstheilungskräfte der Probleme hoffen zu können.

Und die Probleme sind im Kern immer die gleichen: Die Leute fehlen richtig oder die richtigen Leute fehlen!

Die Maschinen haben zu lange Rüstzeiten: Weil die Mitarbeiter nicht schnell genug arbeiten.

Das Kundengeschäft kommt nicht in die Gänge: Weil 10 (!) Key-Accounter fehlen.

Die Transparenz fehlt: Weil der Controller seinen Aufgaben nicht ganz gewachsen ist.

Die Qualität ist nicht gut genug: Weil die Kratzer im Kunststoffdeckel die Kunden stören, die Mitarbeiter aber nicht.

Die Kosten für den externen Dienstleister sind zu hoch: Weil niemand im Unternehmen das Standing hat, auf Augenhöhe dagegen zu halten.

Wenn ich ganz ehrlich bin, dann sind das – trotz allem – keine unüberwindbaren Probleme oder, von mir aus, Herausforderungen und Challenges.

Nur: Anpacken muss sie mal jemand.

Vielleicht jetzt endlich doch.

Vielleicht angestellte Manager noch.

Vielleicht Interim Manager doch.

Und die Welt, sie bewegt sich noch!

Friday, November 21, 2008

AGE - ANGST, GIER UND EITELKEIT

Es gibt Menschen, die treffe ich und ich wünsche mir, dass das Treffen möglichst bald zu Ende gehen möge.

Es gibt Menschen, die treffe ich und ich wünsche mir, dass das Treffen möglichst lange dauern möge.

Hin und wieder hallen letztere Treffen sehr lange nach: Weil im Gespräch etwas gesagt wurde, das mich anschließend für einige Zeit beschäftigt. Oftmals ist das auf eine Frage von meiner Seite zurückzuführen, weil ich etwas nicht verstanden hatte, das mein Gegenüber eher beiläufig erwähnt hatte.

So geschehen Ende September:

„Herr Becker, die meisten Schwierigkeiten im Unternehmen lassen sich durch AGE erklären.“

„Wie bitte?“

„Ja, AGE. AGE steht für Angst, Gier und Eitelkeit!“

„Möglich.“

„Nein, sicher!“

Seitdem stehen meine verantwortlichen Sinne eindeutig auf Empfang. Wir kennen das: Interesse steuert Wahrnehmung!

Ich fürchte, er hat Recht.

Im aktuellen wirtschaftlichen Umfeld über Gier zu schreiben, hieße Eulen nach Athen zu tragen.

Angst? Ich kannte genügend Menschen, die ihre Entscheidungen bis etwa Anfang 2006 daran orientierten, ob dadurch ihr Job gefährdet werden könnte oder nicht. Ich lerne sie wieder kennen: Im aktuellen wirtschaftlichen Umfeld ist die Angst um den eigenen Arbeitsplatz omnipräsent. Wen wundert das?

Aber Eitelkeiten? Wer glaubt den so was? Für Eitelkeiten sollte doch wohl kein Platz mehr sein.

Leider weit gefehlt! Erst vorgestern berichtete mir ein Aufsichtsrat von Eitelkeiten im (mittelständischen!) Konzernverbund. Es gibt keinen Zentralen Einkauf, weil fast zwei Handvoll Geschäftsführer ihre Eitelkeiten kultivieren unter der Überschrift: „L´ etat, c´ est moi!“. Dafür gibt es dann zwei Handvoll verschiedene Preise für ein und dasselbe Teil. Und das kostet den Konzern richtig viel Geld!

Spätestens seit bei Siemens mit Frau Barbara Kux ein Vorstandsmitglied den Einkauf verantwortet und das Unternehmen von Einsparpotentialen in „gewaltiger Höhe“ spricht sollte klar sein, wohin die Reise geht.

Das habe ich am vergangenen Freitag gemeint: Es ist Zeit für ein paar krasse Fragen – nicht für Eitelkeiten.

Friday, November 14, 2008

BIST DU EIN FOSSIL?

Im Interim-Geschäft von MANATNET ist am Freitag Blog-Tag. Am Freitag ist aber auch Telefontag, den vor allem Interim Manager oder Partner für einen Anruf nutzen. Hin und wieder kommt es vor, dass ein solches Telefonat den Entwurf für mein Blog über den Haufen wirft.

Das war am 3. Oktober so – und das ist heute wieder so.

Ein Partner, mit dem wir gemeinsam ein Interim-Mandat besetzen sollen (wenn der Klient nicht wieder seine Meinung komplett ändert!), rief an. Er meinte zu erkennen, dass das Verrohen der Sitten in jüngster Zeit noch weiter zugenommen hätte.

Ich denke, er hat Recht.

Erst in dieser Woche und erstmals überhaupt haben mein Partner und ich entschieden, dass wir für einen namhaften Kunden in Zukunft nicht mehr arbeiten werden: Kehrtwendung in den Anforderungen nach Abschluss der Vorstellung der Kandidaten, gleichzeitige Reduzierung des Projektvolumens um 78 Prozent, nicht eine einzige Rechnung pünktlich bezahlt und nun auch noch ein Streit über die Kostenübernahme von Reisekosten, die der Kunde im Projekt veranlasst hat.

Sind Deine Kunden nicht das wichtigste, was Dein Unternehmen hat?

Hast Du diesen Kunden nicht genug bei der Hand genommen?

Hast Du wirklich alles versucht, diese Situation zu vermeiden?

Ist es nicht Dein Job, Deinen Kunden zufrieden zu stellen.

Warst Du womöglich nicht gut genug?

Bist Du gar arrogant?

In einer solchen Situation sind das typische Fragen, die mich beschäftigen – schwer beschäftigen. Aber auch diese: Denke das mal zu Ende: Wenn das so weiter geht, hast Du dann nicht irgendwann keine Kunden mehr?

Nicht unbedingt ein Wohlfühlszenario für einen Kunden-Mann!

Inzwischen habe ich meinen Frieden mit diesen Fragen. Es tut mir leid. Ich bleibe dabei: Etwas hängt schief bei vielen Kunden! Möglicherweise aber auch bei mir.

Brauchen wir wirklich noch mehr Anlass zum Nach- und dann auch zum Umdenken?

Ist denn tatsächlich noch irgendjemand der Meinung, es ginge alles so weiter wie bisher? Ich denke, es ist an der Zeit für ein paar krasse Fragen:

Wie wäre es mit mehr Ehrlichkeit - und dafür weniger Prozessgeschwafel?

Wie wäre es mit mehr Vor- und Nachdenken - und dafür weniger sinnloser Arbeit für alle?

Wie wäre es mit mehr Partnerschaft - und dafür weniger Egozentrik?

Wie wäre es mit mehr geben – und dafür weniger nehmen?

Wie wäre es mit mehr Menschen an Bord - und dafür, ja tatsächlich, weniger Gewinn?

Wie wäre es mit etwas Bescheidenheit?

Wie wäre es, ja tatsächlich, mit etwas Demut?

Möglicherweise hängt tatsächlich etwas bei mir schief. Möglicherweise bin ich ein Fossil. Möglicherweise bin ich nicht allein.

Friday, November 07, 2008

UNDERPERFORMER UND DIE FANTASTISCHEN VIER

Ganz offenbar steht die Wirtschaft vor schweren Zeiten - wohl vor sehr schweren: Die Automobilindustrie meldet Absatzzahlen dicht am Desaster. Dann sank im September der Auftragseingang um 8 Prozent - soviel wie nicht mehr seit der Wiedervereinigung. Und gestern senkte der IWF die Wachstums-Prognose 2009 für Deutschland auf minus 0,8 Prozent: Unsere Wirtschaft wird wohl im kommenden Jahr schrumpfen.

Um es klar zu sagen: Ohne jeden Zweifel müssen die Unternehmen darauf reagieren! Natürlich.

Aber wieder so?

Seit Jahren stelle ich in einem solchen Umfeld in schöner Regelmäßigkeit dieselben Verhaltensmuster fest: Kosten ´runter - am besten durch den Abbau von Mitarbeitern. Unmittelbar danach folgen die „Fantastischen Vier“: Reisekosten, Bewirtungen, Training und Beratung. Die traditionelle Knautschzone praktisch jedes Unternehmens.

Sollte man annehmen. Bei kritischer Betrachtung sieht das aber möglicherweise anders aus:

Der Abbau von Mitarbeitern hat längst nicht nur mit Kapazitäten zu tun. Hinter vorgehaltener Hand gibt man unumwunden zu, dass die aktuelle wirtschaftliche Lage eine gute Gelegenheit sei, sich von „Underperformern“ zu trennen. Ich frage: Wieso tut Ihr das erst jetzt – und leistet Euch die „Underperformer“ in anderen Zeiten?

Bewirtungen werden untersagt - ausgewählte Führungskräfte natürlich ausgenommen. Ich frage: Wieso tut Ihr das erst jetzt – und frönt vorher einer G&V-relevanten Völlerei?

Dienstreisen werden auf das absolut Erforderliche reduziert und es darf nur noch Economy geflogen sowie Bahn in der zweiten Klasse gefahren werden. Ich frage: Wieso tut Ihr das erst jetzt – und leistet Euch in anderen Zeiten mehr als das absolut Erforderliche?

Trainingsbudgets werden gestrichen. Ich kenne Unternehmen, die haben die Trainingsbudgets in vergangenen Jahren auf Null reduziert. Ich frage: Wieso tut Ihr das erst jetzt - und leistet Euch in anderen Zeiten mehr als die im Wettbewerb unumgängliche Weiterbildung?

Und schließlich: Die Budgets für externe Beratung werden gestrichen – ab jetzt kommen wir alleine klar. Ich frage: Wieso tut Ihr das erst jetzt – wenn Ihr doch selbst in den nunmehr schweren Zeiten alleine klar kommt?

Auf alle meine Fragen habe ich nur eine Antwort: In vielen unserer Unternehmen hatten sich schon wieder zahlreiche "Nice-to-haves" eingenistet. Ich halte die Unternehmen für gar nicht mehr so „lean“, so schlank aufgestellt, wie gern propagiert wird.

Ich glaube, aus welchen Gründen auch immer: Arbeit wurde gemacht, die letztlich nicht wichtig war für die Unternehmen. Und Kosten wurden verursacht, die letztlich nicht wirklich gerechtfertigt waren.

Woran liegt das?

Ich denke: Die meisten Führungskräfte haben nicht das erforderliche Rückgrat, mehr von den Mitarbeitern zu fordern und vor allem genau das Verhalten einzufordern, das die Mitarbeiter auch privat an den Tag legen. Nun aber bietet das schwierige wirtschaftliche Umfeld wieder ein willkommenes Deckmäntelchen zur kollektiven Gesichtswahrung im Management: „Ich bin ja gar nicht so – aber nun kann auch ich nicht anders: Der Markt zwingt uns leider dazu!“

Der Softwarekonzern SAP hat im Rahmen seines Kostensenkungsprogramms alle Weihnachtsfeiern abgesagt. (FAZ vom 5. November). Etwa drei Wochen später als Henkel.