Friday, October 31, 2008

... UND BESCHUETZE MEINEN BAUCH!

Ein Gedicht geistert durchs Internet.

Es geht so:

„Wenn die Börsenkurse fallen, regt sich Kummer fast bei allen,
aber manche blühen auf: Ihr Rezept heißt Leerverkauf.

Keck verhökern diese Knaben Dinge, die sie gar nicht haben,
treten selbst den Absturz los, den sie brauchen - echt famos!

Leichter noch bei solchen Taten tun sie sich mit Derivaten:
Wenn Papier den Wert frisiert, wird die Wirkung potenziert.

Wenn in Folge Banken krachen, haben Sparer nichts zu lachen,
und die Hypothek aufs Haus heißt, Bewohner müssen raus.

Trifft's hingegen große Banken, kommt die ganze Welt ins Wanken -
auch die Spekulantenbrut zittert jetzt um Hab und Gut!

Soll man das System gefährden? Da muss eingeschritten werden:
Der Gewinn, der bleibt privat, die Verluste kauft der Staat.

Dazu braucht der Staat Kredite und das bringt erneut Profite,
hat man doch in jenem Land die Regierung in der Hand.

Für die Zechen dieser Frechen hat der Kleine Mann zu blechen
und - das ist das Feine ja - nicht nur in Amerika!

Und wenn die Kurse wieder steigen, fängt von vorne an der Reigen -
ist halt Umverteilung pur, stets in eine Richtung nur.

Aber sollten sich die Massen das mal nimmer bieten lassen,
ist der Ausweg längst bedacht: Dann wird ein bisschen Krieg gemacht.“

Soweit die Verse.

Ich gebe unumwunden zu: Das ist Klasse gemacht! Und wenn ich dann lese: Dieses Gedicht stamme von Kurt Tucholsky, veröffentlicht 1930 in "Die Weltbühne", dann schäme ich mich nicht meines spontanen Reflexes: „Gibt´s doch gar nicht: Als wär´s heute geschrieben. Lernen die Menschen denn wirklich überhaupt nichts?“

Der Bauch meldet sich: „Hey, wait a minute!“. Leerverkauf und Derivate zur Zeit Tucholskys?

Never ever! Haben wir doch noch Mitte der Achtziger bei Chase Manhattan deutschen Finanzchefs mit roten, grünen und blauen Stiften am Flipchart aufmalen und erklären müssen, was Swaps (Tauschgeschäfte; damals: Zinsen) und Forward Rate Agreements (Zinstermingeschäfte) sind.

Ein wenig Recherche im Internet ergibt: Eine Fälschung. Eine schmucke Feder am falschen Hut! (siehe: Frankfurter Rundschau)

Lieber Lyriker: Auch das ist Unehrlichkeit!

„Reicht´s Dir nicht, dass ich bekenne ohne Niedertracht:
Könn´t ich nicht, alter Freund: Haste toll gemacht!“

Unehrlichkeit kann ich aber nicht leiden, weil ich inzwischen selbst im Tagesgeschäft darunter leide.

Ich denke sogar, das ist ein Versuch, mich zu manipulieren: „Sag ich doch immer: Die Menschen sind dumm und vor allem: nicht lernfähig!“

Und das kann ich dann gar nicht mehr leiden.

Lieber Gott, beschütze meinen Bauch! Ich werde ihn heute Abend mit einem göttlichen Rotwein belohnen – den Bauch natürlich.

Friday, October 24, 2008

IMMER MEHR UND IMMER TEURER

PHILS BOBBY CARIn Ordnung: Manche halten mich für überkritisch. Selbst halte ich mich eher für einen positiven Menschen. Das kennen wir ja: Deutliche Unterschiede zwischen Eigen-Bild und Fremd-Bild.

Heute bin ich jedoch im kritischen Modus – ganz sicher:

Die Finanzmarktkrise begleitet uns nicht erst seit einem guten Monat, als Lehman Brothers im September 2008 Insolvenz anmeldete und unmittelbar darauf Merrill Lynch sich in die Arme von JP Morgan Chase rettete – und in Deutschland Hypo Real Estate fast den Bach ´runter ging.

IKB, Sachsen LB und KfW sind Stellvertreter für frühere Signale, die eindeutig waren: Da kommt noch was nach! Unternehmen und Börsianer übten sich allerdings in der Einstellung, es werde schon alles nicht so schlimm werden. Der DAX lag am 2. Januar bei 7.749 und am 1. September noch immer bei 6.421 Punkten.

Seitdem ist der DAX im freien Fall: Heute, während ich meinen Blogeintrag schreibe, fällt er um weitere 9,99 (!) Prozent auf gerade 4.068 Punkte. Wir haben wieder einen schwarzen Freitag! Ich habe aufgehört, die schwarzen Freitage zu zählen.

Jetzt, nicht etwa früher, kommen die Autobauer aus der Deckung: BMW bricht der Absatz um fast 15 Prozent ein, Daimler veröffentlicht desolate Zahlen, Volkswagen ruft sehr harte Zeiten aus und entlässt wohl 25.000 Leiharbeiter: Das sind mehr Menschen, als eine Stadt in Deutschland haben muss, um sich „Große Kreisstadt“ nennen zu dürfen!

Jetzt, seit wenigen Wochen, stellen die Autobauer ein deutlich verändertes Nachfrageverhalten fest, auf das sie nunmehr gezwungen sind, zu reagieren.

Jetzt! Ich halte es durchaus für möglich, dass die Autobauer das Finanzdebakel aktuell dafür verwenden, die eigenen Fehler zu kaschieren.

Was habe ich für eine Prügel bezogen, als ich vor mehr als zwei Jahren zwei Fragen gestellt habe: „Wer zum Teufel soll die ganzen Autos kaufen?“ Und vor allem: „Wer soll die noch bezahlen?“

Darüber einmal kritisch nachzudenken, dafür hätte es keiner Finanzmarktkrise bedurft. Auch so etwas ist aus meiner ganz persönlichen Sicht eine Zockerei:

Immer mehr und immer teuerer - und inständig hoffen, dass es schon gut gehen wird!  Ja, ich weiß: Ich werde wieder Prügel beziehen! Ich bin bereit.

Na, da können wir ja mal gespannt sein, welche Rettungspakete uns noch ins Haus stehen: Denn die Automobilindustrie ist in Deutschland doch mindestens genauso wichtig, wie die Finanzindustrie, oder? Und die Zulieferer? Und die Landwirtschaft? Und …

Ich weiß nicht, was die nächste Zeit bringen wird. Aber ich bin zutiefst davon überzeugt: Immer mehr und immer teurer ist nicht mehr! Ich leite daraus durchaus starke positive Impulse für die Zukunft ab. Wir schulden sie unseren Kindern!

Mein Sohn hat heute seine Führerscheinprüfung bestanden. Ich freue mich für ihn: Ganz ehrlich!

Friday, October 17, 2008

COGITO ERGO SUM

Ich denke, es ist an der Zeit, innezuhalten.

In unseren Zeiten und in unserer Gesellschaft, der wir gern das Hauptwort „Kommunikation“ (samt Fugen „s“) voranstellen, kann jeder sein Zeug verzapfen und den geneigten Lesern anbieten – wenn er sie denn findet. Ich selbst bin ja der beste Beleg dafür.

Vor gerade einmal zwei Monaten las ich die Prognose der Fachleute: „Der Ölpreis wird in naher Zukunft auf 200 Dollar steigen.“

Gestern las ich die Prognose der Fachleute: „Der Ölpreis kann bis auf 50 Dollar fallen.“ Wahrscheinlich andere Fachleute.

Irgendwo schreibt irgendwer über irgendwas. Dabei habe ich den Eindruck, als gingen die meisten Menschen mit dieser Flut von Informationen noch immer um, wie vor vierzig Jahren – unter der Maxime: „Das steht da, also muss es richtig sein!“ Und nicht: „Das steht da – was fange ich damit an?“

Prompt rannten - von einer explosiven Mixtur getrieben (leerer Tank, nahender Winter und 200 Dollar-Panik) vor zwei Monaten nicht nur die Eigenheimbesitzer in meiner Nachbarschaft los und orderten Öl für ihren Tank – nicht, ohne durch Bündelung der gutnachbarlichen Nachfragemacht einen Rabatt von zwei Cent je Liter herauszuschlagen. Eine Bankenkrise gab es noch nicht. Aber niemand fragte: Wie steht es eigentlich um die Wachstumsraten in der Weltwirtschaft, die den Ölpreis treiben?

Die Eigenheimbesitzer fühlen sich gerade nicht gut.

Warum finde ich vergleichsweise wenig Menschen, die dem eigenen Kopf eher vertrauen als dem anderer Menschen? So wenige Menschen, die Informationen, ja, Informationsschnipsel nehmen als das, was sie sind: Ein Angebot – und dazu verwenden, sich eine wirklich eigene Meinung zu bilden. Cogito, ergo sum.

Und die auch mal den Mut haben, zu sagen: „Weiß ich nicht!“ Oder „Verstehe ich nicht.“ Möglicherweise hätte ein solcher Mut in der Bankenwelt die Krise vermieden.

Es ist an der Zeit, innezuhalten.

Ich glaube, die ersten unter uns halten inne.

Friday, October 10, 2008

EINE RABENSCHWARZE WOCHE

Was schreibe ich an einem derart schlimmen Tag?

Die Finanzmärkte taumeln und die Börsenkurse sind im freien Fall. Gut, ich habe 1929 nicht miterlebt – aber 1987 und den 11. September 2001 schon:

Auf den schwarzen Montag am 19. Oktober1987 folgte am Dienstag (zu einem anderen Thema) eine Banker-Konferenz in der Alten Oper in Frankfurt, an der ich natürlich teilnahm. Keynote Speaker war Karl Otto Pöhl, damals Präsident der Deutschen Bundesbank. Ich werde das nie vergessen. Er eröffnete seine Rede mit den Worten:

„Ich weiß, Sie erwarten jetzt von mir eine Antwort darauf, wie es weiter geht: Ich weiß es nicht!“

Alle sahen bestürzt ihre Depotwerte erodieren.

Am 11. September 2001 erreichten uns die ersten Nachrichten vom Anschlag auf das World Trade Center während einer Konferenz bei Accenture. Es dauerte eine Zeitlang, bis sich die Nachrichtenlage geklärt hatte: Dann habe ich die Konferenz abgebrochen.

Die Börse in USA wurde erst gar nicht eröffnet und sie sollte für einige Tage geschlossen bleiben. Die Kurse an anderen Weltbörsen rauschten sofort in den Keller.

Alle sahen bestürzt ihre Depotwerte erodieren.

Aktuell komme ich mit den „schwarzen“ Tagen kaum noch nach: Allein in dieser Woche hatten wir einen schwarzen Montag, einen schwarzen Mittwoch – und heute haben wir wieder einen schwarzen Freitag. n-tv titelt: „Blutbad“.

Alle sehen bestürzt ihre Depotwerte erodieren.

Börsen-Historiker werden diese Woche womöglich zur „schwarzen Woche“ erklären.

Heute morgen, um 10:07:21 Uhr MESZ, erreicht mich die Nachricht: Das Kind eines guten Freundes ist verstorben. Es wurde gerade einmal drei Monate alt.

Niemanden von uns interessieren Depotwerte.

Es ist eine rabenschwarze Woche.

Friday, October 03, 2008

INTERIM MANAGER - NIMM ES ODER LASS ES!

Ein Kunde antwortet wieder nicht auf unsere Vorschläge – natürlich war alles sehr eilig, so lange der Ball bei uns lag.

Ein Kunde hat schon vier Provider beschäftigt und möchte nun, dass wir auch noch für ihn arbeiten – natürlich kostenlos.

Ein Kunde hat mich in der Vergangenheit dreimal beschäftigt und dann jedes Mal das Projekt abgeblasen. Meine Forderung nach einem anrechenbaren Retainer für die aktuelle Anfrage hält er erst für fair - natürlich kann er den Retainer dann aber intern nicht durchsetzen.

Ein Kunde zahlt nicht pünktlich bei Fälligkeit – natürlich nicht: Das hat er noch nie getan.

Eine ganz normale Woche also.

Bis heute Morgen der Anruf eines Interim Managers kam. Das machen die Interim Manager freitags ganz gerne. Ein Erfahrungsaustausch auf Augenhöhe – wertvoll für beide Seiten. Und deshalb bekenne ich: Auch ich mache das gerne – nicht nur freitags.

Der Interim Manager berichtete konsterniert von Automobilzulieferern, die Interim Managern einen Tagessatz von 400 Euro zugestehen. Kaum zu glauben – und doch ganz sicher wahr.

Nun habe ich so meine Erfahrungen mit Einkäufern gemacht: Viele – nicht alle – zeigen despotische Charakterzüge (zur Erinnerung: Der Despot ist im griechischen Wortursprung der Herr, insbesondere über Sklaven und auch im Sinne von Hausherr. Die Polis war durch eine Trennung von Haushalt (oikos) und öffentlicher Sphäre charakterisiert. Wenn sich ein Politiker in der öffentlichen Sphäre so verhält wie im privaten Haushalt, d.h. die freien Bürger als Sklaven behandelt spricht man in der antiken Tradition von Despotie. Quelle: Wikipedia).

Diese Despoten in ihrem präzise abgesteckten Fürstentum mit persönlicher Einkaufshoheit verhandeln schon lange nicht mehr, sondern proklamieren Konditionen huldvoll an die untertänigen Dienstleister unter der Überschrift „Nimm es oder lass es“.

Smarte Geister werden dieses Paradoxon erkennen: Auf welcher Grundlage kann man sich in einem abhängigen Beschäftigungsverhältnis, in unselbständiger Arbeit, auch nur als „Herr“ über Unternehmer oder Selbständige fühlen, geschweige denn so verhalten?

Das ist möglich, weil wir es zulassen!

Weil jemand, wem auch immer die 400 Euro huldvoll angeboten wurden, nicht einfach eine Quittungsfrage gestellt hat („Habe ich Euer Gnaden richtig verstanden, dass…?“) und dann einfach aufgestanden ist. Natürlich sich untertänigst rückwärts entfernend - mit gebeugtem Rücken.

Ich gebe gern zu: Ich verdiene gern gutes Geld – und ich kann nachvollziehen, wenn mein Verhandlungspartner genau das verhindern will. Folglich bin ich grundsätzlich bereit, dem Verhandlungspartner nachzugeben - bis zu dem Punkt, nach dem die Transaktion für mich wirtschaftlich nicht mehr sinnvoll ist. Oder ich das Verhandlungsergebnis aus anderen, durchaus auch emotionalen Gründen, für nicht ausgewogen, für nicht fair ansehe.

So halte ich es zum Beispiel für nicht fair, wenn sich der Interim Manager für seinen Tagessatz zu einer täglichen Arbeitszeit von 9 Stunden verpflichten muss – während die eigenen Mitarbeiter 6,9 Stunden arbeiten – aber genau dies bei internen Vergleichsrechnungen von Tagessatz zu Festgehalt unter den Tisch fällt.

Also, liebe Interim Manager: 400 Euro am Tag für einen Interim Manager ist kein fairer Preis. Jeder Insider weiß das – und wer das nicht weiß, ist kein Insider. Lehnen Sie einen solchen Irrsinn ab – mit durchgedrücktem Rücken.

Bei MANATNET gibt es immerhin drei Interim Manager, die einen Tagessatz von 500 Euro verlangen, aber keinen einzigen, der nur 400 Euro verlangt. Wir könnten also dem Automobilzulieferer gar nicht mit einem Interim Manager helfen - selbst, wenn wir wollten. Wollten wir aber sicher nicht.

Wenn aber Sie, liebe Interim Manager, sich dafür entscheiden, die 400 Euro zu akzeptieren (möglicherweise ist ganz simpel mal wieder Cash-in erforderlich: Jeder Unternehmer kennt das!): Dann treffen sich Angebot und Nachfrage in einer spezifischen Situation. Das empfinde ich als vollkommen okay – und alles Klagen als scheinheilig. Das ist das eine Blatt.

Auf dem anderen Blatt steht, wie Sie sich dabei fühlen. Auf diesem Blatt steht auch Ihre persönliche Freiheit. Aber welcher Despot hat sich jemals darum geschert?