... UND BESCHUETZE MEINEN BAUCH!
Ein Gedicht geistert durchs Internet.
Es geht so:
„Wenn die Börsenkurse fallen, regt sich Kummer fast bei allen,
aber manche blühen auf: Ihr Rezept heißt Leerverkauf.
Keck verhökern diese Knaben Dinge, die sie gar nicht haben,
treten selbst den Absturz los, den sie brauchen - echt famos!
Leichter noch bei solchen Taten tun sie sich mit Derivaten:
Wenn Papier den Wert frisiert, wird die Wirkung potenziert.
Wenn in Folge Banken krachen, haben Sparer nichts zu lachen,
und die Hypothek aufs Haus heißt, Bewohner müssen raus.
Trifft's hingegen große Banken, kommt die ganze Welt ins Wanken -
auch die Spekulantenbrut zittert jetzt um Hab und Gut!
Soll man das System gefährden? Da muss eingeschritten werden:
Der Gewinn, der bleibt privat, die Verluste kauft der Staat.
Dazu braucht der Staat Kredite und das bringt erneut Profite,
hat man doch in jenem Land die Regierung in der Hand.
Für die Zechen dieser Frechen hat der Kleine Mann zu blechen
und - das ist das Feine ja - nicht nur in Amerika!
Und wenn die Kurse wieder steigen, fängt von vorne an der Reigen -
ist halt Umverteilung pur, stets in eine Richtung nur.
Aber sollten sich die Massen das mal nimmer bieten lassen,
ist der Ausweg längst bedacht: Dann wird ein bisschen Krieg gemacht.“
Soweit die Verse.
Ich gebe unumwunden zu: Das ist Klasse gemacht! Und wenn ich dann lese: Dieses Gedicht stamme von Kurt Tucholsky, veröffentlicht 1930 in "Die Weltbühne", dann schäme ich mich nicht meines spontanen Reflexes: „Gibt´s doch gar nicht: Als wär´s heute geschrieben. Lernen die Menschen denn wirklich überhaupt nichts?“
Der Bauch meldet sich: „Hey, wait a minute!“. Leerverkauf und Derivate zur Zeit Tucholskys?
Never ever! Haben wir doch noch Mitte der Achtziger bei Chase Manhattan deutschen Finanzchefs mit roten, grünen und blauen Stiften am Flipchart aufmalen und erklären müssen, was Swaps (Tauschgeschäfte; damals: Zinsen) und Forward Rate Agreements (Zinstermingeschäfte) sind.
Ein wenig Recherche im Internet ergibt: Eine Fälschung. Eine schmucke Feder am falschen Hut! (siehe: Frankfurter Rundschau)
Lieber Lyriker: Auch das ist Unehrlichkeit!
„Reicht´s Dir nicht, dass ich bekenne ohne Niedertracht:
Könn´t ich nicht, alter Freund: Haste toll gemacht!“
Unehrlichkeit kann ich aber nicht leiden, weil ich inzwischen selbst im Tagesgeschäft darunter leide.
Ich denke sogar, das ist ein Versuch, mich zu manipulieren: „Sag ich doch immer: Die Menschen sind dumm und vor allem: nicht lernfähig!“
Und das kann ich dann gar nicht mehr leiden.
Lieber Gott, beschütze meinen Bauch! Ich werde ihn heute Abend mit einem göttlichen Rotwein belohnen – den Bauch natürlich.
In Ordnung: Manche halten mich für überkritisch. Selbst halte ich mich eher für einen positiven Menschen. Das kennen wir ja: Deutliche Unterschiede zwischen Eigen-Bild und Fremd-Bild.
Ich denke, es ist an der Zeit, innezuhalten.
Was schreibe ich an einem derart schlimmen Tag?
Ein Kunde antwortet wieder nicht auf unsere Vorschläge – natürlich war alles sehr eilig, so lange der Ball bei uns lag.